Sind gute Bedingungen alles oder sind immer gute Bedingungen

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>> Jeder weiß, dass beim Klettern Kraftausdauer, Maximalkraft, Schnellkraft, Fingerkraft und Körperspannung sowie Tritt- und Klettertechnik sehr wichtig sind. Aber das ist nicht alles! Man kann so viel trainieren wie man möchte, wenn am Fels die mentale Verfassung nicht stimmt – zum Beispiel wegen zu großer Hakenabstände – oder die Bedingungen nicht passen, weil beispielsweise der Fels nass ist, kann man nicht an seinem persönlichen Limit klettern. Dazu kommt, dass schlechte Bedingungen oft auch die mentale Verfassung beeinträchtigen! <<

 

Da wir schon in den Pfingstferien unsere Bekanntschaft mit schlechten Bedingungen gemacht hatten (wir haben gezwungenermaßen eher Wasser- als Klettersport betrieben), wollten wir diese Erfahrung in den Herbstferien nicht wiederholen. Trotzdem beschlossen wir, dem bayrischen Klettermekka Fränkische Schweiz eine zweite Chance zu geben. Schon 16 Tage vor unserer Abfahrt wurde nahezu täglich der Wetterbericht gecheckt – und es sah gut aus! Voller Euphorie und Optimismus fuhren wir also am Samstag in Richtung Frankenland. Leider ohne unseren Trainer David, der dieses Mal keine Zeit hatte. Als neue Gruppenmitglieder waren Paula, Jan und Sebastian dabei.

 

Tatsächlich hatten wir die ersten Tage ideales Kletterwetter. Der Altweibersommer zeigte sich von seiner vorbildlichsten Seite. Nachdem wir im Frühjahr fast abgeschwommen waren, kamen uns die nächtlichen Regenschauer und der teilweise bewölkte Himmel wie südländische Verhältnisse vor. Noch am Tag der Anreise suchten wir das erste Klettergebiet auf. Die Soranger Wand schien uns als Südwand ideal. Es wurden auch gleich die ersten schweren Touren wie A-Hörnchen (8-), Pickelsau (9-) und zwei Muskeltiere (9+) geklettert. Nach diesem gelungenen Auftakt konnten wir den erneut einsetzenden nächtlichen Regen ohne Probleme überhören.

 

Pünktlich zum Tagesanbruch ließ sich am nächsten Tag dann auch wieder die Sonne blicken. Wir entschlossen uns deshalb die Bärenschlucht aufzusuchen.  Hier wurde wieder viel projektiert. Nachdem es uns sogar im T-Shirt angenehm warm wurde und der ein oder andere die Sonnencreme zückte, hätten penible Kletterer wahrscheinlich schon wieder über zu warme Bedingungen gemeckert. Von uns wagte das natürlich niemand! Auch hier waren wir wieder erfolgreich: „Caduta Sassi“ (9) konnte geklettert und mit „Abendspaziergang“ (8/8+) ein neues Projekt eröffnet werden.

 

Da wir unser Glück mit dem Wetter nicht herausfordern wollten, suchten wir uns für Montag einen etwas regensicheren Fels heraus. Das sollte sich glücklicher Weise als übertriebene Vorsichtsmaßnahme herausstellen. Die Grüne Hölle wurde ins Visier genommen. Neben dem Glück mit dem Wetter hielt auch unsere DurchstiegsSträhne an. Wie schon an den Tagen zuvor konnten wieder viele von uns ihre Ziele in die Tat umsetzten. Mit ihrem ersten Onsight im 8. Grad („Heinz Schnenk“) konnte Paula ein Ziel ihrer Liste abhaken, Jens flashte souverän „Pebblwyn Happus“ (9) und stieg mit „Pretty Girl“ schon am dritten Tag seine zweite 9+ durch. Wie gesagt, die Bedingungen waren perfekt und mental waren alle auf der Höhe.

 

Zu den nahezu wüstenähnlichen Temperaturen passte auch der Name des nächsten Felsens. Es verschlug uns ans Dromedar. Entgegen aller Erwartungen war hier doch schon sehr deutlich der Unterschied zwischen Nord- und Südseite zu spüren. Es war kälter geworden. Selbstverständlich wurde trotzdem auf beiden Seiten geklettert, was die Finger hergaben. Zurück am Campingplatz bereiteten wir erst Mal unsere selbstgemachten Bratlinge zu – wir können das Rezept nur weiterempfehlen!

 

Nach trockener Nacht ging es am Mittwoch in den Krottenseer Forst an die Maximilianswand und den Krottenseer Turm. Hier bekamen wir endlich Unterstützung von Sina, Lea und Janina, die uns die letzten Tage begleiteten. Jan konnte mit „Kreuzigung“ seine erste 8+ durchsteigen und Michael sich mit dem Durchstieg von „Chasin‘ the Train“ (9) einen Kindheitstraum erfüllen. Mit LSD (9) und Bowling Point (10) wurden für Timo und Jens neue Projekte eröffnet. Die nächste Gelegenheit zum Durchstieg sollte nicht lange auf sich warten lassen. Noch war uns auch nicht wirklich klar, dass Trockenheit zwar eine wichtige, nicht aber die einzigen Bedingungen beim Klettern war…

 

Nichts ahnend wachten wir am nächsten Morgen voller Erwartung auf. Doch kaum streckten wir den ersten Finger aus dem Schlafsack merkten wir, dass die Temperatur extrem gefallen war – einer der wenigen Nachteile eines klaren Nachthimmels. Draußen bot sich ein erschreckender Anblick: Raureif auf Bäumen und der Wiese, zugefrorene Autoscheiben, abgestelltes Wasser. Das Thermometer zeigte unterirdische 1°C (brrrr…)! Sofort sehnten wir uns zu den letzten vergleichsweise warmen Tagen zurück. Wer schon mal mit kalten Fingern in eine Tour eingestiegen ist, weiß, dass dies aus mehreren Gründen nicht zum Erfolg führt. Zum einen kann man wesentlich schlechter greifen, da die ausgekühlten Finger sehr schlecht durchblutet werden, zum anderen steigt das Verletzungsrisiko, da Haut, Sehnen, Bänder und Muskeln kalt und damit weniger dehnbar bleiben.

 

Das wichtigste beim „Expeditions“- Sportklettern in eiskalten Temperaturen sind also warme Finger. Diverse Techniken wurden dazu entwickelt: Hampelmänner, Joggen, Klatschen (in die Hände und gegen die Wand), Finger warm pusten, mit den Armen rudern oder die Finger unter die Achseln klemmen, Handschuhe tragen und, und, und ... Warme Finger zu haben wurde zum wichtigsten Kriterium für einen Durchstieg. Natürlich wurde weiterhin im T-Shirt geklettert, nur das dieses jetzt unter mehreren Schichten aus Pullis und verschiedenen Jacken vergraben war. An der Hetzendorfer Wand konnten wir gleich alle Techniken ausprobieren. Es funktionierte ganz gut, so dass Sebastian mit 5.fun seine erste 8 klettern konnte. Einige von uns entschlossen sich zu einem Felswechsel um einen der legendären Klassiker der Fränkischen zu versuchen: Fight Gravity konnte in den letzten Sonnenminuten geklettert werden.

 

Nachdem wir am Vortag die verschiedenen Warmhaltetechniken verinnerlicht hatten, konnten wir diese am nächsten Tag am Krottenseer Turm weiter verbessern. Wir hatten uns entschieden, dort noch einmal hin zu gehen, weil noch einige Projekte offen und in der Nähe an der 4. Dimension noch interessante Touren zu finden waren. Tatsächlich konnte Timo souverän sein „Kurzzeitprojekt“ LSD (9) abhaken und auch an der 4. Dimension wurde „Alles ist gut, was man gerne tut“ (8+) von einigen unserer Gruppe geklettert. Die kalten Bedingungen hatten uns mental nur wenig beeinflusst. Immerhin waren wir in dieser Richtung schon einiges gewohnt und der schöne Auftakt der Woche blieb uns in wärmender Erinnerung. Dann holte uns unser Pfingsttrauma doch noch ein. Es regnete die ganze Nacht durch – in Strömen. Am Samstag gingen wir deshalb an die Felsen der Burg Rabenstein, die praktischerweise oben mit einem wasserdichten Felsdach versehen ist. Dieser Fels bleibt deshalb sehr lange trocken, bietet aber dennoch einige leichte Touren bis unter die Dachkante. Auch wenn die Griffe ein wenig klamm und es immer noch ziemlich kalt war, konnten einige von uns noch eine 8 abhaken. Bedingungen sind eben doch nicht alles! Der Faktor der Motivation kann jede noch so schlechte Bedingung oder jedes mentale Problem außer Kraft setzen. Oder anders gesagt: Ein gewisser Grad an Selbstzerstörungstrieb :), Motivation, Gruppenzusammenhalt und Spaß gehören wohl ebenfalls zu den wichtigen Bedingungen beim Felsklettern. So kann euphorisches Anfeuern die Finger wohl genauso wärmen wie strahlender Sonnenschein. Egal bei welchem Wetter, wir freuen uns schon auf die nächste Ausfahrt!

 

Bis dahin: Wuhu see ya :)

 

 

Text: Michael Müller

Bilder: Michael Müller und Athleten

 

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