Das andere Finale

Klicken, um Galerie zu öffnen

>> Die Welt ist voller einzigartiger Orte, von denen keiner dem anderen gleicht. Viele sind nicht einmal weit entfernt, man muss sich nur auf den Weg machen. <<

 

Als Angehöriger der kletternden Fraktion ist man leider etwas voreingenommen, was die Wahl der Ziele angeht. Es soll möglichst viel schönen Fels, möglichst schönes Ambiente und schön viel gutes Essen geben und zwar bitte in dieser Reihenfolge. Und so kommt am Ende jedes Urlaubs wieder dieselbe Frage: Wo gehen wir das nächste Mal hin? Man philosophiert in den Stunden während der langen und regenreichen Arbeitstage und befindet sich dank Google und Webcam meist schon lange vor dem ersten gefahrenen Kilometer gedanklich vor Ort und informiert sich.

Ein Hoch auf die Informationsgesellschaft!

Einer der Flecken Erde, der alles zu bieten hat, was sich ein Kletterherz wünscht, und keine Langeweile aufkommen lässt, ist das Gebiet Oltrefinale. An der Italienischen Riviera gelegen, haben sich hier für den erholungsbedürftigen Menschen sowie für Kletterer die idealen Bedingungen entwickelt. Der Meeresstrand in greifbarer Nähe und fantastischer Fels im Hinterland, welcher die Fingerspitzen schon beim Anblick ins Schwitzen geraten lässt. Auch das Climbing Team ließ sich daher nicht lange bitten und fuhr während der Herbstferien in diese Region Europas.

 

Dass der italienische Boden rund um Albenga für alle Teilnehmer Neuland war, machte dies umso spannender. Leider musste die Vorfreude auf die Felsen nach der Anreise bis zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen warten. Aber das Warten lohnte sich: strahlender Sonnenschein und bis zu 20° im November! Nicht schlecht. Das Wetter in Oltrefinale verwöhnte uns gleich zum Anfang. Ebenso wie der fabelhafte Fels im Gebiet rund um Toirano.

 

Ein ganzes Areal, in dem sich die Felswände streiten, welche die schönste im Tal ist. Extrem rauer Fels, was für die vergleichsweise geringe Frequentierung dieses Gebietes spricht. Vielleicht liegt das auch an dem 20-minütigen Anstieg zu manchen Felsen, was sehr oft zu der altbekannten Frage: „wann sind wir endlich da?“ und der abgedroschenen Antwort: „eine Sesamstraße noch...“ führte. Doch wir wurden belohnt: sehr schöne Touren in jedem Schwierigkeitsgrad, von denen natürlich alles bis in den 9. Grad unter die Finger genommen wurde. Der Tag war viel zu schnell vorbei, jedoch ließ sich, aufgrund des rauen Felses in diesem Tal, schon nach einem Tag eine deutliche Rötung an den Fingerspitzen erkennen.

Nachts kann es durchaus etwas kälter werden, was uns jedoch nicht zu kümmern brauchte, da wir in Pietra Ligure eine wunderbare Ferienwohnung für alle 12 Teilnehmer der Ausfahrt finden konnten, welche außerhalb der Saison gut erschwinglich war. Soweit lief alles gut. Das änderte sich jetzt, nachdem am Abend die ersten Verluste, äh ich meine Verletzten, zu versorgen waren. So meinten zwei bei einem abendlichen „Fang-Workout“, einen Bruchtest der Schädelbasisdecke durchführen zu müssen. Beide Schädel hielten stand und die Probanden kamen im wahrsten Sinn des Wortes mit einer Beule und einem blauen Auge davon. Zum Glück gab es tiefgefrorenen Kuchen im Gepäck, der ausgezeichneten Ersatz für die fehlenden Kühlpacks bot.

Voller Vorfreude ging es schließlich am nächsten Tag bei fast noch schönerem Wetter in das nächste Tal rund um Castellbianco. Der wohl bekannteste Fels dieses malerischen Örtchens ist der „Terminal“, welcher von Touren zwischen dem 5. und 10. Grad alles zu bieten hat. Dementsprechend mehr Seilschaften ließen sich am Fels nieder, weshalb man zumindest für die leichten Touren etwas Geduld mitbringen musste. Generell sind die Touren in diesem Tal deutlich härter bewertet als in den anderen Gebieten der Umgebung, so dass die Ansprüche zum Teil etwas heruntergeschraubt werden mussten. Wenn die Touren nicht alle so lang währen... doch nach 30 Metern Tourenlänge kamen die Unterarme einem gefühlten Anschwellen auf bis zu 3-fachen Normumfang gleich und man konnte meist nicht mal mehr eine Gabel festhalten. Doch frei nach dem Motto: „ein Neuner geht immer“ wurde dennoch alles versucht und trotz dicker Arme so manche Tour mit dem Klippen des Umlenkers beendet.

 

Da wir möglichst viel verschiedene Felsen sehen wollten, zog es uns am nächsten Tag in das nächste Gebiet, das auf den Namen „Colosseo“ hörte. Irgendwie nicht ganz aus der Luft gegriffen, wenn man die Erscheinung des zu einem Halbbogen geformten Fels betrachtet. Ganz im Gegensatz zu den Felsen an den Tagen zuvor war hier alles sehr erschwinglich für die angegebenen Schwierigkeitsgrade. Vielleicht waren die Erstbegeher nach dem 20-minütigen Zustieg von der Straße einfach etwas müder beim Bewerten geworden als bei dem etwas näher an der Straße gelegenen Terminal? Man weiß es nicht. Und so nutzten wir die Geschenke in Form von Kletterrouten auch bis zum letzten Lichtstrahl aus ohne weiter nachzufragen. Nachdem Robin bewies, dass er sich nicht einarmig an einem Kletterseil festhalten kann und dem anschließenden Verarzten der Brandwunden, wurden zum Abstieg die Stirnlampen ausgepackt.

Eine wichtige Zutat zum stark Klettern ist stark Essen. Und dass die Zubereitung auch unter Umständen etwas Kraft kostet, konnten wir beim Teig Kneten und beim Sahne „Schütteln“ beobachten. In Ermangelung eines Rührgerätes war die Idee, dieses mit einem Nutellaglas zu ersetzen. So erklärten sich die Jungs gerne bereit, in einer Reihe anzutanzen, um die Sahne in festen Zustand zu schütteln. Das klappte erstaunlich gut. Zu gut, wie wir feststellen mussten. So hatten wir am Ende zwar keine feste Sahne, dafür aber frische Butter für das nächste Frühstück geschüttelt. Der nächste Morgen war grau und verregnet. Vielleicht weil wir die Butter vom letzten Abend noch nicht ganz aufgegessen hatten?

 

Ganz egal, geklettert wurde trotzdem. So ging es auf eine abenteuerliche Fahrt zu den hart überhängenden Felsen des Sektors „Planetario“. Dort konnten wir trotz grob geschätzten Niederschlags von 300 l/min und Quadratmeter im trockenen klettern. Die Bedingungen waren zwar nicht ganz so prickelnd, doch bei so einem Wetter kann man leider nicht so wählerisch sein. Das Wetter wurde zwar am nächsten Tag auch nicht besser, aber die Stimmung litt eher unter der drohenden Abfahrt als an gewissen Wassereinflüssen. Dank der in den Nachrichten gemeldeten Wassermassen in Genua wurde schon auf eine, natürlich vollkommen „unfreiwillige“, Urlaubsverlängerung aufgrund von Überschwemmungen spekuliert.

 

Aber trotz allen Hoffens war dies der letzte Urlaubstag, welchen wir ebenfalls an einem komplett trockenen Fels des Sektors „Erboristeria“ in Castellbianco verbringen konnten und selbst hier noch Touren bis 9- und schwerer kletterbar waren. Jedoch ließ sich bei einigen die leichte Müdigkeit von 5 Klettertagen ohne Pause nicht mehr verbergen. Da die Schule leider noch keine Kletterurlaubsbefreiung kennt, musste die Heimfahrt angetreten werden, die ohne nennenswerte Zwischenfälle stattfand. Ach wobei – wir machten auf dem Weg noch Bekanntschaft mit einigen Schweizer Polizisten, da wir für eine Rastpause aus Versehen auf dem Privatparkplatz der Schweizer Autobahn-Polizei parkten, was diese nicht so lustig fanden wie wir. Zu blöd, dass das Absperrtor sich ohne Transponder nicht öffnen ließ, so mussten wir einige nette Worte mit der Schweizer Staatsgewalt wechseln, bis uns die freie Weiterfahrt gewährt wurde. Nach dem obligatorischen Halt beim Gasthaus zur goldenen Möwe (McDonald’s) gelangten alle gesättigt und ohne weitere Schäden wieder in den Kreis Ihrer Familie ...

 

 

Bericht: David Reiser

Bilder: Athleten Climbing Team

Zurück