An den Felsen der Unterwelt

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Tosend umhüllen die Wellen den Absatz und schicken ihre salzige Gischt über die Felskante, ein ums andere Mal. Bedrohlich und doch gleichzeitig beruhigend wirkt das Rauschen des heute nicht allzu ruhigen Meeres. Es ist so laut, dass es schwer ist einander zu verstehen. Viele Touristen sehen diesen Ort vollendeter Ausgesetztheit nicht. Denn es führt nur ein Weg wieder hinaus...

 

Was tun wir hier eigentlich? Nun ja, um das zu erklären muss ich wohl etwas weiter ausholen. Es gab einmal vor langer Zeit einen kleinen Jungen der beschloss, klettern zu gehen. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern besonders stark wollte er werden. Herkules war sein großes Vorbild und so stemmte er täglich sein Einhorn in die Höhe um möglichst viel Kraft zu bekommen. Leider wissen wir ja alle, dass es keine Einhörner gibt, was dem täglichen Krafttraining ein bisschen seine Effektivität nahm. So wurde erst mal nichts mit der Heldenkraft. Aber da unser kleiner Junge natürlich nicht auf den Kopf gefallen war, suchte er sich passende Unterstützung und nervte von da an die Trainer der Leistungsgruppe. Fleißig hat er trainiert, über viele Jahre, mit dem Ergebnis, dass er endlich stärker wurde, auch wenn er das natürlich selbst nie zugab. Aus dem kleinen schwachen Jungen wurde bald ein großer starker und so geschah es, dass er sich nach absolviertem Abitur, eine Auszeit auf einer Insel gönnte. Sagen wir es mal so: er war reif für die Insel. Und wie es sich für einen Kletterer gehört, fand er eine besonders steinige. Es wurde Zeit das Gelernte in die Praxis umzusetzen und den Test in der realen Welt zu bestehen. Welcher Ort wäre dafür wohl geeigneter als die altbekannte Schiffbruchs-Insel des Apostels Paulus? Da muss es ja schließlich Steine geben, wenn dort ein Schiff an der Küste kaputt gehen kann…

 

Gesagt getan und so hatte das Climbing-Team Stuttgart einen waschechten "Climbing-Local" auf der Insel Malta zur Verfügung. Logisch, dass das gebührend ausgenutzt werden musste. So machte sich der bemitleidenswerte Rest im heimischen Stuttgart, ans planen und sparen. Denn es hieß die Kletterbedingungen auf "der" Insel seien vorzüglich. Schließlich ging es los: Von Stuttgart mit dem Zug nach Frankfurt und von dort mit dem Flugzeug direkt nach Valletta, der Hauptstadt des Inselstaates Malta, welcher sich aus einem Verbund von 3 bewohnten Inseln zusammensetzt.

 

Offiziell ist Malta das wasserärmste Land der Erde, was man zuerst gar nicht zu dem Bild einer Insel passen mag. Dank der flachen Landschaft gibt es auf dem Flecken Land weder Flüsse noch Seen und Gerüchte lassen verlauten, dass in Kürze der Müllberg bald die höchste Erhebung des Staates sein wird. Das verfügbare Süßwasser setzt sich deshalb aus gesammelten Regenwasser und entsalztem Meerwasser zusammen. Das vom Müllberg stammende, lassen wir gerne mal in der Berechnung außen vor. Da es zusätzlich nicht sonderlich oft im Jahr regnet, erklärt dies das ganze Dilemma ein wenig. Interessanterweise erlebten wir innerhalb von 10 Tagen Aufenthalt an 3 das seltene Wetterschauspiel „Regen“, das ist bei ca. 80 Regentagen im ganzen Jahr ein sehr guter Schnitt. Wenn das mal kein Zufall ist…

 

Aber das wussten wir ja zum Glück davor nicht, und so machte sich unser Haufen von Kletterern glücklich auf den Weg in die unwirkliche Welt des kleinen mediterranen Wasserstaates, um unseren Helden zu besuchen. Unser Ziel waren nicht die unzähligen Kirchen, Tempel und Festungen der Ureinwohner, der Kreuzritter oder der ehemaligen Kolonialmacht Großbritanniens. Auch wenn es hiervon auf Malta sehr viele gibt. Anscheinend soll es 365 Kirchen auf der Insel geben, so könne man theoretisch jeden Tag im Jahr eine andere besuchen. Bei der Größe des Staates ergibt sich dadurch die höchste Kirchendichte pro Quadratkilometer weltweit. Wir hatten es jedoch auf das abgesehen, von dem Malta noch mehr hat: Fels!

 

Für die Meisten nahezu unbekannt und nach wie vor ein sehr exotisches Ziel für einen Reisenden, bietet jedoch Malta alles, was das (Kletter-) Herz begehrt. Nahezu alle Spielarten der vertikalen Sportart können hier ausgelebt werden. Angefangen vom Bouldern, über Sportklettern, selbst abzusichernde Touren, sowie Mehrseillängen sind hier zu finden. Selbst eine große Auswahl an Deep Water Solo (DWS) geeigneten Felsen sind vorhanden. Ganz klar, das mussten wir natürlich alles selbst ausprobieren. Die Sahnestückchen wurden uns von unserem „Mann vor Ort“ direkt serviert und so mussten wir nur noch zugreifen. In dem verzweifelten Versuch möglichst viel in die kurze Reisezeit zu packen, besuchten wir praktisch jeden Tag einen anderen Fels. Angefangen bei der „Melieha Cave“, welche früher als Ziegenstall benutz wurde, zum „Garden of Eden“ welcher seinen Namen dank der idyllischen Lage an der Steilküste Maltas auch zu Recht trägt. Die historische Verteidigungslinie der Insel mit dem Namen „Victoria Lines“ wurde natürlich, wär hätte es gedacht, auch erst einmal kletternd erkundigt. Zum Glück wurde sie seit dem Abzug der englischen Kolonialmacht nicht mehr benutzt, was die Gefahr beim Klettern erschossen zu werden etwas geringer machte. Die Steilklippen von Ghar Hassan wurden im „Deep Water Solo“ (DWS) Stil mit Badehose und ohne Seil erkundet, was für einige spaßige und nasse Badeaktionen sorgte. Wobei besonders die Jungs wohl eher ihren Spaß daran hatten „kleine Steine“ über den Rand der 20 Meter hohen Klippe zu werfen. Die nächste Station war der Fels in „Ghar Lapsi“, das Paradies für schwer kletternde Sinterfreunde, welches sich im internationalen Vergleich nicht verstecken braucht. Die „Redwall“ besuchten wir am Tag danach, wo neben sehr schönen senkrechten Klettereien, Mehrseillängen und DWS-Möglichkeiten, auch eine vorzügliche Badewanne zum Baden einlädt…

 

…Und so sind wir schließlich in der Unterwelt (Underworld) gelandet. Ja wirklich! So ist die offizielle Bezeichnung eines Kletterfelsens im nördlichen Teil der Nachbarinsel Gozo, welcher den Namen auch zu Recht trägt. Selbst der lokale Busfahrer hatte keine Ahnung wo er uns genau hinfahren sollte und erst ein Abseilhaken am Rande der Steilklippen verriet uns, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Nach ca. 60 Metern Vertikalfahrt landeten wir am Eingang einer riesigen Grotte, in mitten des tosenden Meeres. Umgeben von meterhohen Wellen und  Felswänden gab es nur einen Weg wieder hinaus, wieder 60 m senkrecht nach oben zu klettern. Die Grotte hatte wirklich etwas von dem Eingang zur Unterwelt. Wer weiß vielleicht war Homer vor dem Schreiben der Ilias bereits hier zu Gast gewesen? Wobei, ich glaube nicht, dass er wieder kletternd aus dem Loch herausgekommen wäre… Da alle zuhause fleißig trainiert hatten, musste am Ende des Tages keiner von uns alleine auf dem Fels-Band verhungern und auf Hades warten. Alle sind wieder unverletzt aus der Unterwelt aufgetaucht, da wäre selbst Odysseus vor Neid erblasst. So hatten wir danach noch genug Zeit uns die Felsen von „Wied Babu“ anzuschauen und danach in „Ghar Lapsi“ noch nicht vollendete Kletterprojekte abzuhaken. Nach vielen lustigen Stunden, schnarch geplagten Nächten, wilden Kochaktionen, stressigen Busfahrten, Regengüssen, gestellten Bildern, mentaler Überforderung, Sonnenbränden, löchrigen Fingerkuppen, Turnaktionen an urbanen Gegenständen, 9 Sonnenuntergängen und vielem „Grimmassen schneiden“, ging es wieder ab in den Flieger. Mitgenommen haben wir leider nicht so viel Fels, jedoch eine Menge schöne Erinnerungen, welche uns wohl noch lange begleiten werden.

 

 

Besonders die Sprüche waren mal wieder einzigartig, so dass eine Auswahl davon unbedingt Erwähnung finden muss (selbstverständlich anonym, der Schreiber möchte natürlich niemand brüskieren…)

 

Ihr vier bildet jetzt ein Dreieck, damit ich in der Mitte laufen kann…

- Alles ist wohl immer eine Frage der Betrachtungsweise. Wenn man das ganze auf den dreidimensionalen Raum erweitert kann die Aussage durchaus Sinn machen. Wie weit das mit der Realisierbarkeit aussieht, muss noch weiter erläutert werden J

 

Warum ist Gesundheit eigentlich nicht ansteckbar?

Eines der ungeklärten Geheimnisse der Menschheit…

 

Ich halte nicht so wenig davon

– Ich hoffe ihr auch nicht?!

 

 

Text: David Reiser

Bilder: Michael Müller und Team 

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